Blog von Liesa-Marie Müller

From Poland to Germany in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, ihre Familie wiederzusehen

Back to the roots

Dienstagmorgen trafen sich meine Eltern und ich vor ihrem Zimmer, damit wir gemeinsam runter zum Frühstück gehen konnten. Zum Frühstück konnten wir dann zwischen drei verschiedenen Menüs wählen und wenn ich euch Eins über polnische Portionen sagen kann, dann, dass die verdammt groß sind. Jeder von uns bekam zunächst einen Teller mit Käse, Tomaten und Schinken sowie ein Körbchen mit Brot und Semmeln. Währenddessen wurde dann der warme Teil des Frühstücks zubereitet: für meine Eltern gab es jeweils eine Portion Rührei mit Schinken, für mich ein paar knusprige Eierkuchen mit Erdbeermarmelade.

Nach dem Frühstück zeigte ich meinen Eltern Sejny. Wir besuchten zum einen die riesige und wunderschöne Basilika, zum anderen liefen wir durch die Stadt und sahen uns die vielen verschiedenen Gebäude an.

Anschließend gingen wir noch in den „Biedronka“ und schlugen ganz schön bei den klassischen polnischen Süßigkeiten zu.

Zum Mittagessen fuhren wir dann in ein Lokal in einem kleinen Dorf in der Nähe Sejnys: Giby. Das Restaurant war wirklich niedlich, es lief fantastische, wenn auch ein wenig laute Musik (laut in dem Sinne, dass man manchmal schon seine Stimme erheben musste, um sich zu verstehen). Und das Essen! Das Essen war absolut genial! Doch auch hier waren die Portionen verdammt groß, sodass meine Mama und ich es leider nicht schafften, aufzuessen. Ich hatte mir ein Hähnchenschnitzel in Cornflakes-Panade bestellt, für meine Mama gab es ein mit Tomate und Käse überbackenes Schnitzel und mein Papa probierte den frischen Teichfisch (kleine Ergänzung: das Restaurant befindet sich direkt an einem der Teiche in dieser Region).

Auf der Rückfahrt nach Sejny besuchten wir noch ein Denkmal, das direkt an der Straße gelegen ist. Ein Hügel, übersäht mit großen Kreuzen aus Holz. Errichtet wurde dieser Platz 1991 zur Erinnerung an die Opfer der „Augustower Jagd“, Juli 1945, im Umland Sejnys. Das Ziel war Angehörige der polnischen Heimatarmee und anderer unabhängiger Gruppen zu verhaften. Auf polnischer Seite verschwanden etwa 2.000 Menschen spurlos, nicht mit eingerechnet die Opfer in Weißrussland und Litauen, wo ähnliche Aktionen zeitgleich erfolgten. Das Denkmal lässt einem schon einen kalten Schauer über den Rücken laufen, wenn man durch diese verwitterten, teilweise ein wenig schief stehenden Holzkreuze läuft. Doch es ist auch in gewisser Weise genugtuend, dass auch heute die Angehörigen den Freiheitskämpfern gedenken. Grablampen und Rosenkränze liegen dort am Fuße mancher Kreuze oder hängen an diesen.

Auch hier, wie in der gesamten Region um Sejny, fanden sich wieder Informationstafeln zum Besuch des Papstes Johannes Paul II., worauf die Menschen hier wirklich sehr stolz sind. Denkmäler, Bilder, Kreuze – alles erinnert an den polnischen Papst, der einige Zeit hier verbracht hat.

Wieder zurück in Sejny gingen wir ins OK. Immerhin musste ich mich ja noch von Kris und Robert verabschieden. Von Kris bekam ich dann auch noch meinen ausgedruckten Youthpass und mit Robert fuhren wir nochmal in die Stadt hinein. Mein Konto ist jetzt offiziell geschlossen und dass ich meine alte Nummer wiederhabe ist euch sicherlich auch schon aufgefallen.

Zurück im Kulturzentrum trafen wir uns mit Kris auf eine Tasse Tee und sprachen über die Geschichte unserer Heimatländer, Nachbarländer, ein wenig über Politik und alles was uns noch so einfiel. Abends wollten wir dann eigentlich noch zu dem alten Kloster in Wygri fahren (ihr erinnert euch möglicher Weise noch an meinen ersten Blog-Eintrag, das Kloster, von dem aus die Besiedlung der Region ausging – genau um dieses Kloster handelte es sich), da uns Kris sehr ans Herz legte, dieses einmal zu besuchen. Schlussendlich entschlossen wir uns dann aber doch dagegen und aßen im Hotel Abendbrot. Dazu tranken meine Mama und ich ein Glas georgischen Wein (sie weiß, ich rot).

Am Mittwoch Besuchten wir nach dem wie immer sehr leckeren Frühstück das Kloster in Wigry. Leider wurde es gerade umgebaut, weshalb wir nur ganz kurz blieben.

Beim Verlassen der Anlage entdeckte mein Vater folgendes Hinweisschild mit Verboten:

Die Symbole, bzw. speziell das letzte Symbol der Reihe gab uns Rätsel auf: War es jetzt verboten Motorrad zu fahren? Offenbar schon, doch weshalb war es nicht durchgestrichen, wie die anderen Symbole? Waren Alkohol und Rauchen im Kloster stärker verboten als Motorräder? Doch „verboten“ kann man natürlich nicht steigern, also fällt diese Erklärung raus.

Der See, der die Halbinsel Wigry umgibt, war zum Teil noch zugefroren, doch trotzdem schwamm bereits ein Entenpaar im Wasser.

Als wir den schmalen Weg vom Kloster zurück zur Hauptstraße fuhren, entdeckte mein Papa folgendes auf dem Dach einer zu einem Restaurant gehörigen Hütte:

Diese riesige Modellspinne sieht so unglaublich echt aus! Wirklich ekelhaft.

Daraufhin unternahmen wir noch einen Abstecher nach Litauen, um Marijampole zu besuchen.

Allerdings war weder der Verkehr noch das Wetter wirklich einladend und so entschlossen wir uns dazu, wieder zurückzufahren und besuchten stattdessen Suwałki.

Wer mich kennt, weiß auch um die Liebe meiner Familie zur Eisenbahn und meine – ich möchte nicht Abneigung dagegen sagen; nennen wir es einfach mein Desinteresse an Zügen. Jedenfalls war unser erster Stopp der Bahnhof Suwałki. Ein Zug war am Bahnhof, ansonsten war es einfach nur kalt und windig.

Lustig war allerdings, dass neben dem Gebäude das Auto eines polnischen Notfallmanagers stand – wenn man so will also ein polnischer Kollege meines Vaters.

Daraufhin fuhren wir in ein großes Einkaufszentrum in der Stadt. Interessant daran war, dass das Zentrum scheinbar um zwei alte Gebäude herumgebaut worden war, in dem sich heute ebenfalls verschiedene Läden befanden. Ehemalige Fenster im Obergeschoss der Gebäude, waren zu Türen umfunktioniert und mit Brücken verbunden.

Mit vollen Tüten fuhren wir dann wieder zurück nach Sejny. Auf dem Weg entdeckten meine Eltern ein Schild mit einer stilisierten Dampflock darauf: Ausschilderung zu einem vermeintlichen Eisenbahnmuseum. Dort angekommen fanden wir eine sich im Moment nicht im Betrieb befindende Feldbahn vor. Eine gute halbe Stunde Hinweg für etwa fünf Minuten Aufenthalt – mehr brauche ich glaube ich nicht sagen.

Am Abend besuchten wir ein litauisches Restaurant, dass uns Kris empfohlen hatte. Das Essen war ungewöhnlich doch absolut lecker! Mein Papa versuchte sich an einer Art Stew (die litauische Bezeichnung ist mir an dieser Stelle leider entfallen), für mich gab es ungarisches Gulasch auf einem gigantischen Kartoffelpuffer und meine Mama hatte sich ein mit Waldpilzen und Käse überbackenes Hähnchenschnitzel bestellt. Und in Gedenken an meine Warschauer Familie trank ich an diesem Abend ein Desperado (Bier mit Tequila-Geschmack).

Meinen Koffer packte ich am Donnerstagmorgen und außerdem schrieb ich noch einen kleinen Dankeschön-Brief an das Hotel (am Montag entdeckte ich in einem der Schubkästen eine Klarsichthülle mit Briefpapier, Umschlag und Kugelschreiber). Unsere Koffer verstauten wir schon vor dem wie immer ausgezeichneten Frühstück im Auto. Wir checkten aus und unsere lange Fahrt begann. Mein Papa und ich wechselten uns mit dem Fahren ab und nach kleineren und größeren Navigationsproblemen, da uns unser Navi unbedingt zur Mittagszeit durch Warschau jagen wollte und wir über Zwischenziele um den Mittagsverkehr herumnavigieren wollten. Im Endeffekt steckten wir dann nicht in Warschau, sondern in Łόdź im Verkehr fest.

Später, uns plagte so langsam der Hunger und der Durst nach Kaffee, entschlossen wir uns an einem McDonald’s anzuhalten. Keine fünf Minuten, nachdem wir das Fast-Food-Restaurant betreten hatten, erschien eine ungefähr 25 Mann und Frau starke Gruppe der polnischen Armee. Schon zuvor war es recht voll, doch nun herrschte ein einziges Stimmengewirr. Wir setzten uns an unseren Tisch und kurz darauf fuhren auch noch zwei gefüllte Reisebusse mit Kindern und Jugendlichen vor! Ich glaube, ich habe noch nie ein so volles McDonald’s gesehen.

Wie bereits gesagt tauschten mein Papa und ich immer wieder den Platz, doch ein letztes Mal fuhr ich bis nach Wrocław. Dort hielten wir, um zu tanken und sobald das Auto stand, spürte ich, dass ich für diesen Tag genug gefahren war. Für den Rest der Strecke saß also mein Papa hinter dem Steuer und kämpfte sich durch Regen, Wind und Verkehr.

Nach in etwa 14 Stunden Fahrt kamen wir endlich wieder zu Hause an und ich fiel erschöpft aber glücklich in mein Bett.

Hiermit endet also meine Zeit in Polen und damit auch mein Blog. Wenngleich meine Zeit leider viel kürzer war, als ich es ursprünglich geplant hatte, war sie doch gespickt mit guten und schlechten Erfahrungen. Am Ende kann ich sagen, dass, so schlecht es mir manchmal auch ging, ich im Nachhinein kaum einen Augenblick nicht gerne erlebt hätte. Ich bin mit vielen Freunden und meiner nicht ausschließlich verwandtschaftlich bedingten Familie nach Polen gereist und mit einer neuen Familie, Plänen für meine Zukunft und vielen neuen Eindrücken zurückgekehrt. Ich möchte mich hier noch einmal bei allen bedanken, die diesen Blog verfolgt haben. Mir hat es unglaublichen Spaß gemacht, diese Texte hier zu schreiben und euch immer mitzunehmen. Schon verrückt, wenn ich mir überlege, wem ich damals den Link zu meinem Blog geschickt habe und wie viele mir jetzt sagen, dass sie ihn auch verfolgten. Deswegen auch noch ein großes Dankschön an alle von euch, die ihn mit Freunden und Familie geteilt haben. Dass euch allen meine Texte so gut gefallen, macht mich unglaublich stolz! Vielen, vielen Dank!

Hiermit endet also mein Blog. Sollte ich irgendwann einen neuen starten, werdet ihr es natürlich erfahren!

Also, man liest sich!

Ein Alien, dass endlich wieder zu Hause ist

Blog von Liesa-Marie Müller

From Germany to Poland in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, eine andere Kultur ke nnenzulernen

Mein letzter Tag im Ośrodek Kultury

Seltsam. Seltsam, dass ich heute noch früher wach bin als sonst. Seltsam, dass sich der Tag fast anfühlt, wie jeder andere, keine übermäßige Aufregung, keine Gedanken daran, dass ich meine Kollegen im Kulturzentrum heute zum letzten Mal sehe und selbst wenn mir der Gedanke kommt, fühle ich keine kalte Hand, die sich träge um mein Herz schließt. Seltsam, dass mein Zimmer schon so leer aussieht, weil fast alles in Koffer und Beutel verpackt ist. Seltsam, dass sich mein letzter Arbeitstag anfühlt, wie mein erster. Ich weiß nicht, was ich machen soll, wie ich mich verhalten soll. Im Moment sitze ich in Kris‘ Büro, an meinem Laptop, doch höre Stimmen von nebenan und weiß nicht, ob ich rübergehen soll, weil ich sonst nie rüber gehe. Sonst ist auch nicht mein letzter Tag hier. Natürlich ist es keine große Sache und einige von euch werden vielleicht denken, dass dieser Einstieg ein wenig zu melodramatisch ist. Und da stimme ich voll und ganz zu, doch wer kann schon etwas gegen ein wenig Drama haben?

Die letzten Wochen, seitdem ich weiß, wann mein letzter Tag hier sein wird, wann meine Eltern hier ankommen und wann ich Polen (vorerst) verlasse, habe ich mich immer auf den heutigen Tag gefreut. Mich darauf gefreut meine Eltern wiederzusehen, zu wissen, dass ich bald wieder zu Hause bin und den Rest meiner großen, nicht direkt mit mir verwandten Familie wiedersehen kann, dass ich bald wieder ins Kino gehen oder bis früh um 4 irgendeine Serie mit Schatzi binge watchen kann. Doch heute ist es anders. Ich freue mich natürlich weiterhin darauf, doch irgendwie habe ich das Gefühl, als würde das alles in den Hintergrund rücken und ich min mir noch nicht so ganz sicher, warum. Vielleicht ist es die Unsicherheit nicht zu wissen, wie ich mich gegenüber meinen Kollegen und Kolleginnen verhalten soll. Vielleicht ist es auch die Vorahnung auf das unangenehme Gefühl, das ich sicherlich wieder bekommen werde, sobald Kris hier ankommt und welches heute vermutlich seinen Höhepunkt erreichen wird. Immerhin waren es die letzten Wochen immer nur „die Tage davor“; es war schon fest, doch noch nicht da und die Erkenntnis, dass ich ab morgen nicht mehr ins OK kommen werde, dürfte ihn heute wohl wenigstens genauso hart treffen, wie es mich mit einem seltsamen Gefühl zurücklässt.

Doch neben meinen Gefühlen war heute der ganze Morgen schon seltsam. Wie schon gesagt, bin ich heute noch früher als sonst aufgewacht und seltsamer Weise schien es meinen Mitbewohner heute auch nicht mehr im Bett zu halten, denn kaum war ich aus dem Bad raus, hörte ich Schritte in der Küche und den Wasserkocher blubbern. Als ich dann Richtung Arbeit lief, wurde ich von einer Krähe über mir beinahe mit einer Walnuss abgeworfen. Sie fiel direkt vor meine Füße und zerbarst auf dem Gehweg. Ich ignorierte den Anschlag und lief weiter. Auch das Wetter war heute seltsam schön und dennoch kalt.

Und als ich dann fast vor dem Kulturzentrum war, sprach mich auf einmal ein seltsamer Typ an: grauer Kapuzenpullover (die Kapuze natürlich aufgesetzt), dunkle Hose und eine geschlossene Bierflasche, die jede Sekunde drohte aus der labberigen Jackentasche zu fallen. Er sagte irgendwas auf Polnisch, doch ich erklärte ihm dann auf Englisch, dass ich dieser Sprache nicht mächtig bin. Also überlegte er kurz und versuchte mir dann irgendwas auf Englisch zu erklären doch mehr als „Man, stand, Woman, beautiful Day“, begleitet von wildem Gestikulieren brachte er nicht zu Stande. Ich lächelte ihm nur nett zu, bedankte mich und lief weiter in Richtung „Biedronka“ in der Hoffnung, dass das die erste und letzte Begegnung mit diesem Kerl war.

Im Laden war heute früh mal wieder unglaublich viel Betrieb und von den ungefähr 25 Minuten im „Biedronka“ habe ich gute 20 an der Kasse gestanden. Ellen lange Schlangen und zunächst nur zwei geöffnete Kassen. Doch dann wurden endlich drei weitere geöffnet und es ging voran.

Jetzt bin ich wie bereits gesagt im Kulturzentrum, sitze alleine im Büro von Kris und weiß nicht, ob es besser wäre nach nebenan zu gehen oder nicht.

Später werden noch Robert und ich zur Bank und in den Handyladen gehen, um mein Konto und meine Karte zu schließen, ab heute Mittag werde ich also vermutlich wieder unter meiner alten Nummer erreichbar sein (und endlich wieder mobiles Datenvolumen haben).

Heute Nachmittag werden dann meine Eltern ankommen und was bzw. ob wir heute dann noch etwas machen werden, wird sich dann zeigen.

Nachdem Kris heute im Büro angekommen war, eröffnete er mir dann, dass wir noch einige organisatorische Dinge zu klären haben. Zum einen muss ich noch den abschließenden Sprachtest machen (mal schauen ob ich meine Bewertung vom Anfang, A-, verbessern kann) und außerdem muss ich noch meinen Youthpass schreiben/ausfüllen und eine Art Zusammenfassung zu meinem Freiwilligendienst schreiben. Kann ich dafür nicht einfach nur den Link zu meinem Blog aufschreiben? Würde es mir um einiges einfacher machen. Außerdem bin ich mir wirklich unsicher, was genau ich da aufschreiben soll. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es kein gutes Ende nehmen kann, wenn man weniger als einen Monat Zeit hat, ein Projekt zu planen. Nebenbei hatte ich dann recht selten etwas zu tun, konnte aber meine Freizeit dazu nutzen neue Zeichenstile auszuprobieren und Handlettering für mich zu entdecken.“ – Ich glaube nicht, dass es das ist, was die Verantwortlichen gerne hören wollen.

Inzwischen habe ich meinen „Youthpass“ ausgefüllt, das ist eine Auflistung meiner gesammelten Erfahrungen und Kompetenzen, die ich durch meinen Freiwilligendienst erhalten habe. Dieses Dokument kann man wohl auch an eine Bewerbung mit anhängen, wenn man das denn möchte/braucht. Den habe ich jetzt als PDF-Datei und müsste ihn mir nur noch ausdrucken. Allerdings weiß ich nicht, ob sich das bei einem zwei Monats Aufenthalt überhaupt lohnt. Als nächstes muss ich noch den „Report“ schreiben und da bin ich auch noch sehr gespannt, was das werden soll.

Offenbar gibt es einige Probleme mit dem System von OLS (der Online-Kurs von Erasmus+, wo ich den Abschlusstest ablegen muss) und auch mit dem System, wo ich den Report schreiben muss. Kris kann sich nicht einloggen und den Link für den Report werde ich erst morgen zugeschickt bekommen. Also werde ich wohl den Rest meines Tages nichts mehr zu tun haben.

Auch auf die Bank und zum Handy-Laden kann, bzw. brauche ich heute noch nicht zu gehen, da die letzte Überweisung meines Geldes wohl frühestens morgen auf meinem Konto sein wird. Wie ich das dann genau mache, ob ich mir morgen einfach nochmal Robert schnappe und mit ihm überall hingehe (immerhin brauche ich jemanden zum Übersetzen), muss ich mir noch überlegen.

Jetzt, nur noch etwa zwei bis drei Stunden, in denen meine Eltern ankommen sollten, spüre ich schon deutlich die Aufregung in mir hochsteigen. Leider habe ich absolut keine Ahnung, wie weit sie schon sind, da meine Mama auf meine Whatsapp-Nachricht bisher noch nicht geantwortet hat. Ich hoffe einfach, dass die letzte Stunde schnell herumgehen werden. Ich habe einfach absolut nichts mehr zu tun, nachdem die technischen Schwierigkeiten dafür gesorgt haben, dass ich mich wohl morgen um die restlichen organisatorischen Dinge kümmern muss.

Nachdem meine Eltern dann endlich angekommen sind zeigte ich ihnen erstmal das Kulturzentrum und stellte sie den verschiedenen Leuten vor. Nur kurz darauf musste ich mich dann auch schon von meinen Arbeitskollegen verabschieden (morgen werde ich ein letztes Mal ins OK gehen) und wir fuhren in die Wohnung um meine Sachen zu holen. Leider vergaßen wir dann meine noch nicht gebrannte Ton-Schale in der Wohnung, weshalb wir morgen noch einmal dorthin fahren müssen.

Im Hotel übte ich mich dann als Dolmetscher und vermittelte zwischen Englisch und Deutsch für meine Eltern. Ich habe ein wirklich schönes Einzelzimmer mit einem recht kleinen aber schönen Bad (wie ich später noch feststellen musste, ist die Dusche einfach zu klein für mich).

Nachdem wir unsere Zimmer bezogen gingen wir runter ins Restaurant Abendbrot essen und es schmeckte wirklich total lecker! Für mich gab es gegrilltes Gemüse mit Hähnchenbrust und Kräuterbutter, mein Papa aß total leckere Rippchen mit Pommes und Rote Beete Salat und meine Mama aß ein – sagen wir eine polnische Variante des Wiener Schnitzels? Man kann es schwer beschreiben.

Später ging ich dann in mein Zimmer mit einem frischen Verband am Fuß und richtete mich erstmal häuslich ein, bevor ich dann duschen ging. Leider ist besagte Dusche viel zu klein für mich. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte verstellte ich ausversehen den Wasserhahn oder schaltete das Wasser komplett aus, was doch etwas nervig war. Bloß gut, dass ich nur sehr kurz dusche.

Morgen werden wir uns denke ich Sejny ansehen, ich werde mit Robert zur Bank und in den Handyladen gehen und mich dann schweren Herzens von ihm verabschieden müssen (er sagte schon heute „We can cry tomorrow“ – wir können morgen weinen). Ihn werde ich wohl am Meisten vermissen. Was wir dann den Rest des Tages noch machen werden wird sich zeigen.

Ich widme mich jetzt nur noch meinen sozialen Kontakten bevor ich auch schlafen gehe.

Also, man liest sich!

Ein Alien, was endlich wieder in einem Bett schläft.

Blog von Liesa-Marie Müller

Packen und Hunger

Beachtet die weißen Fusseln am Boden nicht. Ein Taschentuch hat sich in meine Waschmaschine geschlichen und beim ausschütteln der Wäsche hat es dann in meinem Zimmer geschneit.

Mein letztes Wochenende in Polen unterscheidet sich nicht so sehr von meinen bisherigen Wochenenden: Wäsche waschen und einkaufen gehen, wobei ich meinen Einkauf leider auf Grund der Wetterverhältnisse abbrechen musste.

Am Samstag habe ich mich hauptsächlich darauf beschränkt meine Wäsche zu waschen, damit ich am Sonntag nur noch alles in meine Koffer packen muss und bereit bin, am Montag endlich diese Wohnung hinter mir zu lassen. Und als ich dann wie jeden Samstag einkaufen gehen wollte, war das Wetter draußen schon nicht sonderlich gut, doch immer noch so, dass ich losgegangen bin. Auf halber Strecke, in Gedanken versunken fiel mir dann auf, dass ich mein Portemonnaie nicht eingesteckt hatte, drehte also um und während ich wieder zur Wohnung ging, wurde der Wind stärker, die Luft kühler und der Regen stärker, weshalb ich mich dann doch dazu entschloss, in der Wohnung zu bleiben. Leider zieht das auch nach sich, dass ich heute am Sonntag ein wenig vor mich hin hungere und meine letzten Reste Brot für den Abend aufspare. Ich weiß zwar, dass es in der Stadt tatsächlich einen Laden gibt, der am Sonntag geöffnet hat, doch auch heute ist das Wetter nicht besser als gestern und da ich nicht riskieren möchte mich doch noch irgendwie zu erkälten halte ich das auch mal einen Tag lang aus.

Sowohl mein Kleiderschrank, der Schrank, in dem ich meine restlichen Sachen gelagert habe als auch mein Küchenschrank, sind völlig leergeräumt, ein bisschen Wäsche hängt noch über der Heizung und im Zimmer verteilt zum Trocknen und einmal durchgefegt habe ich auch schon. Wenn dann morgen alles rausgeräumt ist werde ich nochmal mein gesamtes Zimmer kehren und überprüfen, ob ich auch wirklich nichts vergessen habe, doch im Moment sieht es ganz gut aus.

Viel mehr gibt es soweit von meinem Wochenende nicht zu erzählen. Nebenbei schreibe ich immer mit verschiedenen Menschen von Amino oder aus meiner EVS-Familie und mich überrascht es tatsächlich, dass einige ehrlich traurig sind, dass ich schon gehe. Allerdings ist es sogar so, dass ich von zu Hause aus viel näher an allen dran bin, als von Sejny aus. Ihr erinnert euch ja sicherlich noch an den Screenshot, den ich von Google-Maps gemacht habe und dort konnte man ja nun wirklich deutlich sehen, dass sich die anderen Freiwilligen fast schon in einem Halbkreis um Sejny herum befinden, quasi alle so weit wie nur möglich weg, damit aber auch um so näher an Deutschland. Und um meine Familie wiederzusehen habe ich auch schon einen Plan, wenngleich ich noch nicht ganz sicher bin mit der Umsetzung und ob das überhaupt so funktionieren kann, wie ich mir das vorstelle. Doch dazu werdet ihr mehr von mir erfahren, wenn es jemals soweit sein sollte.

Den Rest meines Sonntages werde ich wohl mit Criminal Minds verbringen, zwischenzeitlich skype ich noch mit Schatzi und sicherlich schreibe ich auch noch ein wenig auf Amino.

Also, man liest sich!

Ein Alien, was gefallen am Reisen gefunden hat, Packen jedoch nicht leiden kann

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From Germany to Poland in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, eine andere Kultur kennenzulernen

Frauentag und Tanzmusik

Freitag. Der letzte Arbeitstag dieser Woche und mein vorletzter Tag im OK. Die letzten paar Tage hier gingen so schnell rum, dass ich noch gar nicht richtig realisiert habe, dass ich nächste Woche um diese Zeit schon wieder in Deutschland bin, vermutlich meine Katze im Schoß liegen habe oder aber gerade auf dem Weg bin, irgendjemanden zu besuchen.

Wie ich gestern ja geschrieben habe, wollte ich heute gerne mit Iwona zur Bank und in den Telefonladen gehen, um das alles schon einmal abgeklärt zu haben. Sie meinte allerdings, dass das Robert und ich am Montag erledigen werden, was mir auch recht ist, auch wenn ich das innere Bedürfnis habe, solche Dinge so früh wie möglich zu erledigen. Ist irgendwie so eine Angewohnheit von mir.

Ansonsten ist an diesem wunderbar sonnigen Tag noch nichts Besonderes passiert.

Ich bin jetzt seit ca. eineinhalb Stunden auf Arbeit, habe mir etwas zum Frühstück gekauft (eine Blätterteig-Rosinen-Vanillepudding-Schnecke), wovon mir gleich mal schlecht geworden ist und den Entwurf für die Einladungskarte für den Geburtstag meiner Eltern beendet. Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich wohl kaum ein Foto des Entwurfs mit allen Daten hier einfügen werde, deswegen hier nur eine kurze Beschreibung: Verwendet habe ich ein A4 Blatt, an der rechten oberen Ecke befindet sich eine Blume, links unten das Alter meiner Eltern mit jeweils einer Kerze auf jeder Zahl. In der Mitte des Blattes dann der Einladungstext mit allen wichtigen Daten. Das Blatt werde ich, sobald ich meine Schere wiedergefunden habe, so zuschneiden, dass die Zahl unten links sowie die Blume oben rechts über das Blatt hinausstehen.

Ob die Karte nun verwendet wird oder nicht, müssen wir aber erst nochmal besprechen. Wir sind uns dabei noch nicht so ganz einig.

Nebenbei habe ich, schon seit ich im Kulturzentrum angekommen bin, einen Stream laufen, der wirklich perfekt für nebenbei geeignet ist. „DoktorFroid“, eine Gruppe von Gamern, die sowohl YouTube-Videos, als auch Twitch-Streams und vieles mehr machen, bauen sich in ihrem Büro einen eigenen Fitnessbereich und Streamen, wie sie daran verzweifeln, eines der Geräte aufzubauen. Warum ich mir Menschen beim Aufbauen von Dingen anschaue? Keine Ahnung. Wie gesagt, es läuft mehr so nebenher, als dass ich aktiv zuschaue und ich denke, es ist einfach angenehmer ein paar Stimmen auf den Ohren zu haben, als alleine in einem Büro zu sitzen.

Etwa um 12 Uhr kam dann Kris im Büro an, der mich „einlud“ ins Sekretariat nebenan zu kommen. Da heute Frauentag ist, waren dort schon Tassen und Kuchen vorbereitete und als alle Frauen des OKs (heute waren es nur vier) im Sekretariat eingetroffen waren, kamen die Männer mit jeweils einer Rose herein, die sie uns dann überreichten.

Küsschen hier, Küsschen da und eine herzliche Umarmung – so gratulierten sie uns zum Frauentag. Danach saßen wir noch zusammen, aßen Kuchen, tranken Kaffee oder Tee, je nach jeweiligem Geschmack und redeten über verschiedene Dinge. Oder in meinen Fall: die anderen sprachen, während ich zuhörte, doch das war völlig okay. Ein paar wenige Dinge konnte ich sogar verstehen, nur selbst etwas zum Gespräch beitragen, war mir nicht möglich. Trotzdem war es eine schöne Geste und eine tolle Art, die Mittagszeit miteinander zu verbringen.

Gestartet ist der Tag heute sehr sonnig und nur mit leichtem Wind. Inzwischen hat es sich draußen sehr zugezogen, es ist windig und vermutlich fängt es auch bald an zu regnen. Ich hoffe, dass das Wetter wieder etwas besser ist, wenn ich heute Abend zurück zur Wohnung gehe.

Mein Fuß macht mir heute Gott sei Dank nicht so große Probleme, wie gestern. Laufen ist trotz allem noch etwas unangenehm, doch nicht dramatisch. Inzwischen hat sich mein Fuß übrigens doch dazu entschlossen, ein wenig Farbe ins Geschehen zu bringen und zeigt sich jetzt in einem wunderschönen Farbverlauf von blau-lila über grün-blau bis hin zu gelb-braun. Außerdem wechselt er immer schön zwischen „fast normale Größe“ und „wer hat mir eine Kartoffel an den Fuß geklebt?“ – mal schauen, wann das wieder weg geht. Ich vermute in ca. einer Woche sollte das eigentlich wieder im Normalzustand sein. Ich bin nach wie vor glücklich, dass ich mich nicht so schlimm wie die letzten Male verletzt habe und noch laufen kann.

Heute Abend wird Adams Band einen Auftritt im Kulturzentrum haben und ich freue mich schon, heute Abend dort hinzugehen. Allerdings werde ich dafür länger auf Arbeit bleiben müssen, doch das ist schon okay, das ist es mir definitiv wert.

Und wie sich dieser Abend gelohnt hat! Ein Banjo, ein E-Bass, eine halbakustische Westerngitarre, Eine Pauke, ein Schellenring, eine Singende Säge, ein Akkordeon und eine Lotusflöte, gespielt von fünf Männern mit lustigen Mützen und einem Händchen für Musik. Von den Liedern habe ich natürlich nichts verstanden, doch die Musik war sehr gut und die Stimmung im Publikum auch. Bei einigen Songs wurde fröhlich mitgesungen, ein älterer Herr versuchte sich als Animator und forderte immer mal wieder Damen auf, mit ihm zu tanzen (auch mich lies er dabei nicht aus) oder bildete Menschenketten, die durchs Publikum zogen und wer wollte, konnte sich einfach anschließen um dann im Kreis vor der Bühne zu tanzen.

Der Mann links im Bild spielte während des Konzertes entweder Banjo, Lotusflöte oder die singende Säge. Rechts Im Bild könnt ihr übrigens Adam sehen.

Dieser Abend war wirklich unglaublich lustig und hat so viel Spaß gemacht – ich war schon etwas traurig, als es vorbei war. Zur Musik kann ich euch noch sagen, dass es sich eher in die Richtung Folk-Music bewegte, allerdings deutlich moderner angehaucht war. Mir fällt es wirklich schwer die Musik zweifelsfrei und eindeutig einzuordnen. Sagen wir es einfach so: fast jedes Dorf, jede Stadt, jede Gemeinde hat doch so seine eigene Band, manchmal sogar mehrere. Manche legen sich dabei auf eine bestimmte Richtung fest und andere spielen einfach Musik und ich würde sagen Adams Band fällt auch in die Sparte „einfach schöne Musik“.

Nach dem Konzert lief ich heim und das so schöne Wetter vom Morgen hat sich völlig gewandelt: es war kalt, es war feucht und es war vor allem windig. Ich torkelte wie ich seit einer Woche nicht mehr getorkelt bin, doch nicht etwa auf Grund einer chemischen Lösung in meinem Organismus, sondern einfach, weil sich der Wind nicht entscheiden konnte, ob er nun von vorne, hinten, links oder doch lieber rechts wehen wollte. Auch mit meinem modischen Erscheinungsbild schien er sich nicht so ganz im Reinen zu sein: Kapuze auf- oder doch lieber abgesetzt? Vielleicht komplett über die Augen gepustet oder doch lieber nur die Haare durchwedeln?

Und dann, als ich endlich im windstillen Flur der Wohnung stand, begutachtete ich meine Rose, die ich die ganze Zeit versuchte mit meinem Körper abzuschirmen, damit die empfindlichen Blätter nicht verletzt werden und sah das:

Ich habe da übrigens nichts unter dem Nagel meines Zeigefingers, es handelt sich nur um etwas weißen Nagellack unterhalb meines Nagels, wodurch die natürliche Farbe meines Fingernagels so gelblich erscheint.

Ihr habt vielleicht im Bild weiter oben im Eintrag gesehen, dass an einem Band an der Rose ein Raffaello befestigt war. Ich hatte bisher noch nicht den Appetit verspürt es zu essen und wollte es mir für das Wochenende aufheben. Tja, leider hatte der Wind andere Pläne und klaute mir kurzerhand meine Süßigkeit. Kein Raffaello für mich.

Am Abend passierte dann nichts weiter Interessantes, ich schrieb stundenlang mit Menschen auf Amino, bevor ich dann schlafen ging.

Am Wochenende möchte ich mich darum kümmern, schon einmal einiges für meinen „Auszug“ aus der Wohnung vorzubereiten, damit ich am Montagnachmittag so schnell wie möglich hier heraus kann. Außerdem habe ich mir überlegt, den Eintrag für Samstag und Sonntag zusammenzufassen, da vermutlich nicht viel passieren wird, außer, dass ich Wäsche Wasche und Dinge packe. Außerdem wird mein Freiwilligendienst offiziell am Montag enden, das heißt auch mein vorerst letzter Eintrag wird am Montag erfolgen. Vielleicht werde ich noch einen wirklich letzten am/zum Abreisetag schreiben, doch da bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Also, man liest sich!

Ein Alien, was noch gar nicht realisiert hat, dass es nächste Woche zurück nach Hause geht.

Blog von Liesa-Marie Müller

From Germany to Poland in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, eine andere Kultur kennenzulernen

Gespräch mit meinen Kolleginnen

Heute bin ich sogar schon um 9 Uhr auf Arbeit gegangen, da ich keine sinnvolle Begründung gefunden habe noch im Bett zu bleiben, wenn ich eh schon wach war. Also lief ich zur Arbeit, doch heute hat mein Fuß wohl einen schlechten Tag und mein Weg war doch etwas schmerzhaft.

Für heute hatte ich mir vorgenommen, mit meinen Kolleginnen über meine Probleme mit Misha zu sprechen. Im OK angekommen packte ich also meine Sachen aus und ging ins Büro nebenan. Meine Kolleginnen hatten gerade Zeit und ich erzählte ihnen von allen möglichen Problemen, die ich auch schon in meinem Blog beleuchtet habe, deswegen werde ich das hier auch nicht noch einmal beleuchten. Jedenfalls konnten sie meinen Standpunkt gut verstehen und erzählten mir, dass sie selbst auch einige Probleme mit ihm haben, es ihnen sogar lieber wäre, wenn er gehen würde. Er sei eine schreckliche und unglaublich anstrengende Person – der Konjunktiv an dieser Stelle ist wohl auch eher als Stilmittel und nicht als Abschwächung der Tatsachen zu verstehen. Mir hat es gut getan endlich auch mit jemandem von hier darüber zu reden und dass sie mich so gut verstehen konnte, sogar selbst einige Probleme haben mit ihm, bestärkt mich zum einen in meiner Entscheidung zum anderen tut es mir auch für sie leid. Denn ich werde gehen und kann diesen unmöglichen Menschen hinter mir lassen, doch sie sind gezwungen noch bis, wenn mich nicht alles täuscht, Oktober mit ihm auszukommen. Dafür kann ich ihnen nur alles Glück und alle Geduld der Welt wünschen. Außerdem wollen sie mit Kris über die Situation mit Misha reden. Immerhin macht er ja die Wohnung kaputt und das geht einfach nicht.

Frühstück war bei mir bisher noch nicht drin. Irgendwie bewege ich mich zwischen hungrig und nicht hungrig, sehr seltsames Gefühl. Der ganze Tag fühlt sich bisher sehr seltsam an.

Mein Werkstück aus Ton werde ich heute anmalen in der Hoffnung, dass es noch gebrannt wird, bevor ich zurück nach Deutschland gehe. Immerhin sollte es ja für meine Mama sein. Da wäre es schon unpraktisch, wenn ich es in Polen zurücklassen müsste.

Bevor Kris im Büro ankam verbrachte ich meinen Arbeitstag damit ich heute damit YouTube-Videos zu schauen, mit verschiedenen Leuten zu chatten und nebenbei diesen Eintrag zu schreiben. Als Kris hier ankam hatte ich allerdings sofort wieder dieses ungute Gefühl. Ihr wisst schon, dieses Gefühl, dass er eigentlich nichts mehr mit mir zu tun haben will und meine Anwesenheit mehr als notwendiges Übel ansieht. Er wollte dann, dass ich meine Tickets heraussuche, sodass ich das Geld dafür wiederbekommen kann. Also suchte ich alles heraus, lies es ausdrucken und fuhr damit fort nichts wirklich Sinnvolles zu tun, bevor ich dann die Sachen zusammensuchte, mein kleines “Kunstwerk” aus Ton zu bemalen.

Mein Werkstück ist jetzt fertig bemalt und sieht wie folgt aus:

Leider wird es Kris nicht mehr möglich sein, diese „Schale“ zu brennen, also werden wir uns wohl etwas einfallen lassen müssen, wie wir das Ding gebrannt bekommen.

Zum Mittagessen gab es heute wieder mal einen Salat und danach ging ich zu Eva ins Sekretariat und bekam meine Reisekosten wieder (insgesamt 100,15zł), allerdings nicht ganz vollständig, da ich die Bustickets, die ich innerhalb Warschaus gekauft habe, nur in einer App und nur für 20 bzw. 75 Minuten hatte. Dementsprechend war es nicht möglich das wiederzubekommen.

Habe ich euch eigentlich schon einmal erzählt, dass Misha hin und wieder an einem Klavier hier im oberen Stockwerk des OK herumklimpert? Nein? Sicher? Jetzt wisst ihrs. Es ist schrecklich. Es nervt so sehr, er spielt so laut, so unrhythmisch, als würde er bei jedem zweiten Ton überlegen, was als nächstes kommt. Nebenbei erwähnt gibt es im OK zwei verschiedene Klaviere und mit Adam habe ich mich ziemlich am Anfang mal darüber unterhalten und meinte, ich könnte ja auch am oberen Klavier üben. Doch da winkte er nur ab und meinte, dass das Klavier oben total verstimmt und scheiße sei. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass Mishas Spiel so grausig klingt, da das Klavier verstimmt ist. Das „Stück“ was er spielt bewegt sich allerdings fast ausschließlich auf Disharmonien. Ich weiß nicht, ob das so klingen soll, ob das so gewollt ist oder ob er vielleicht einfach nur immer neben die Tasten greift – ich habe in jedem Fall Angst um meine Trommelfelle, dass sie sich aus Frustration und Depression einfach selbst zerreißen um ihrem Leid endlich ein Ende zu setzen.

Kris fragte mich dann zwischenzeitlich, seit wann das Problem mit der Badtür schon wäre und natürlich auch, warum ich nicht schon früher etwas gesagt habe. Natürlich antwortete ich, dass es schon seit einigen Wochen so ist und dass ich nichts gesagt habe, da ich irgendwo dachte, dass es nicht mein Fehler war. Außerdem hat es ja noch funktioniert, bis gestern das komplette Schloss kaputt gegangen ist. Und als ich sagte, dass ich es ja nicht kaputt gemacht habe, sondern Misha, lachte er nur und meinte, dass das die Schuld von niemandem wäre. Scheinbar ist das Wasser also ganz spontan, einfach so und natürlich nur rein zufällig nachdem Misha im Bad war, erschienen und war auch nur für mich sichtbar, als ich die Wohnung vor Misha verlassen habe. Und dass er das nicht verschuldet hätte, kann auch nicht sein. Denn, wenn irgendwas im Bad kaputt wäre, wäre diese Wasserlache ja nicht nur an einem Tag dort gewesen, sondern das Problem hätte über längere Zeit bestanden. Dementsprechend sah ich auch ihn in der Pflicht das Wasser zu beseitigen.

Natürlich sehe ich ein, dass sowohl ich als auch Misha etwas hätten sagen müssen und mir ist es ehrlich gesagt auch selbst ein Rätsel, warum ich nichts gesagt habe. Jedenfalls wird morgen früh einer meiner Arbeitskollegen zu uns in die Wohnung gehen und sich den Türrahmen mal anschauen. Ich hoffe einfach nur, dass ich nicht auch was dazu bezahlen muss. Immerhin war es nicht mein Fehler, doch das werde ich denen wohl kaum begreiflich machen können.

Nach kurzer Erinnerung seitens meiner Mama hatte ich dann doch endlich etwas zu tun: die Einladungskarte für den Geburtstag meiner Eltern designen. Nebenbei hörte ich dann „SDP“ eine deutschsprachige Band, auf die ich durch ein Featuring mit Bela B aufmerksam geworden bin. Von Pop über Rock bis zu Reggae spielt diese Band alles Mögliche und mir gefällt deren Sound echt gut, auch wenn mir manche Lieder doch etwas zu sehr in die Richtung Deutsch-Pop tendieren.

Nachdem ich dann den ersten Entwurf für die Einladungskarte beendet hatte, aus Mangel an Zeichenutensilien allerdings nicht weitermachen konnte, colorierte ich dann meine Zeichnung aus dem Zeichenkurs von, ich glaube, vor zwei Wochen:

Ich weiß nicht, ob ich damals den Song, zu dem das Zitat gehört mit erwähnt habe: Five Finger Death Punch – Wrong Side of Heaven

Ich habe mich daran versucht, weniger zu colorieren als farbige Schattierungen zu setzen und bin mit dem Endergebnis durchaus zufrieden.

Danach lief ich auch schon zurück zur Wohnung und wurde Zeuge des wohl schönsten Abendrots, dass ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.

Leider war meine Handykamera nicht in der Lage die Farben genauso intensiv wie in Natura einzufangen, deswegen müsst ihr euch die Rosatöne etwa 10-mal so intensiv vorstellen.

Als ich dann in meinem Zimmer saß schrieb mit einigen Freunden, bevor ich mir etwas zum Abendbrot machte und ein kleines Tutorial-Video zum Cup-Song aufnahm, da die anderen Freiwilligen gerne weiterüben möchten. Das freut mich so sehr und es ist unglaublich lustig von einigen Videos zugesendet zu bekommen, in denen sie sich am Rhythmus probieren.

Morgen ist schon mein Vorletzter Arbeitstag. Schon irgendwie seltsam zu wissen, dass man nächste Woche wieder zu Hause ist. Morgen möchte ich mit Iwona auf die Bank und zum Telefonladen gehen, damit ich mein Konto kündigen und meine Karte abschalten lassen kann. Einerseits fühlt es sich an, als wäre ich schon seit Ewigkeiten hier, doch andererseits habe ich auch das Gefühl, als hätte ich mein Konto erst vor ein paar Tagen eröffnet, kann mich noch daran erinnern, wie ich mit Robert dort saß und mir dachte „Hey, in acht Monaten wirst du hier sitzen und das alles wieder rückgängig machen. Du wirst vermutlich etwas polnisch sprechen, eine tolle Zeit gehabt haben und bei dem Gedanken, zurück nach Deutschland zu gehen weißt du nicht, was du fühlen sollst. Freude, deine Familie wiederzusehen oder doch Trauer, die Leute in Sejny hinter dir zu lassen?“ Und jetzt ist es schon so weit. Irgendwie überwiegt schon die Freude, endlich von meinem Mitbewohner loszukommen, doch allein um der Menschen willen, die ich in meiner doch recht kurzen Zeit hier kennengelernt habe, würde ich am liebsten noch etwas länger bleiben. Und die Gewissheit, dass ich zu einem großen Teil gehe, weil mein Mitbewohner ein schreckliches Exemplar der Spezies Homo sapiens sapiens ist, den nicht einmal meine Kollegen leiden können, macht mich schon etwas traurig.

Man könnte an dieser Stelle die Frage anbringen: „Sag mal, weißt du noch, was du willst?“ Und ich weiß, dass es so klingen würde, als wolle ich Sejny gar nicht verlassen und das ist auch durchaus richtig. Ich würde liebend gerne noch bleiben, doch gewisse Umstände auf Arbeit und vor allem in der Wohnung machen es mir leider unmöglich meinen Aufenthalt zu verlängern, von meinem Studium und der Wohnungssuche mal abgesehen.

Doch darüber möchte ich heute Abend gar nicht mehr nachdenken und lieber mit meinen vielen verschiedenen Familien schreiben.

Also, man liest sich!

Ein Alien, das bald auf seinen Heimatplaneten zurückkehrt

Blog von Liesa-Marie Müller

From Germany to Poland in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, eine andere Kultur kennenzulernen

Langeweile und Blogeinträge

Mittwoch ist der Tag in der Woche, auf den ich mich immer am meisten Freue. Denn am Mittwoch findet der Kunst-Workshop statt und die Atmosphäre und die anderen im Kurs sind einfach nur toll. Die Zeit bis zum Kurs allerdings ist meistens recht langweilig und zieht sich ungemein hin. Heute habe ich zunächst meinen Blog wieder auf den aktuellen Stand gebracht, doch danach brauchte ich erstmal eine Schreibpause.

Für den Kunstkurs habe ich natürlich meinen Zeichenblock und auch meine Bleistifte eingepackt, doch, ihr könnt es euch sicherlich schon denken, Spitzer und Radiergummi haben es mal wieder nicht in meine Tasche geschafft. Und nachdem verschiedene Versuche, etwas ohne Korrekturmöglichkeit zu zeichnen, gescheitert sind, habe ich das auch aufgegeben und habe mich stattdessen dem Schauen von verschiedenen Musikvideos, z.B. von „Feine Sahne Fischfilet“ oder auch „Traumfresser“ gewidmet. Danach, inzwischen war es fast um 3 Uhr, ging ich los um nochmal etwas Geld abzuheben und mir etwas zu essen zu kaufen. Denn auch zum Mittagessen hatte ich noch nichts und mein Brot, was ich am Sonntag gekauft hatte, reichte nur noch bis heute früh aus. Auf dem Weg zur Kasse entdeckte ich dann etwas, womit ich mir nur ganz dezent verarscht vorkam:

Ihr erinnert euch doch sicherlich noch an meine Probleme, da ich keinen Schneebesen habe? Tja, heute waren sie sogar im Angebot! Ich habe allerdings keinen gekauft. Teils, weil ich natürlich jetzt auch keinen mehr brauche, teils aus Sturheit und Protest.

Zurück im OK, mein Fuß tat nur ein kleines bisschen weh, nach dieser kleinen Tour durch Sejny, aß ich also erstmal eine Kleinigkeit zum Mittag und da es sowieso schon halb vier war, um vier sollte der Kunst-Workshop beginnen, entschloss ich mich dazu, die restliche Zeit mehr oder weniger abzusitzen und als hätte sie es geahnt, wurde ich glatt von einer neuen Freundin, die ich über einen der Amino-Support-Chats kennengelernt habe, angeschrieben und konnte so die letzte halbe Stunde gut überbrücken.

Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Zeichnung von mir, die ich vor einigen Wochen hier gepostet habe? Da Ola damit noch nicht fertig war, lag ich heute wieder Modell und sie konnte das Bild beenden.

Nach dem Workshop verabschiedete ich mich noch von Karina und dankte ihr nochmal für die vielen tollen Stunden, die ich in ihrem Kunstkurs verbringen durfte, bevor ich schließlich zurück zur Wohnung ging. Heute Abend wollte ich einfach etwas Brot essen, geplant hatte ich Käsebrot mit etwas Ketchup. Kaum waren meine Brote geschmiert, holte ich also die Flasche Ketchup aus dem Kühlschrank, schüttelte sie über meinem Teller, damit endlich das rote Gold aus der Flasche kommt, als ich bemerkte, dass sie leer war! Ich war nur im Stande einen kleinen Klecks auf meinen Teller zu bekommen – mehr war im wahrsten Sinne des Wortes nicht drin.

Gestern Abend, als ich mein Brot in den Schrank geräumt habe ist mir schon aufgefallen, dass meine eigentlich fast leere Öl-Flasche verschwunden war. Ich durchsuchte alle regale, doch sie war offenbar leer. Gestern lachte ich noch sarkastisch darüber und beschloss es einfach zu ignorieren – immerhin ist es nicht mal mehr eine Woche, die ich noch in dieser Wohnung zubringen werde. Doch dass ich heute auch noch meinen Ketchup so gut wie leer vorfinden muss, kann ich einfach nicht akzeptieren! Und da ich nicht wutentbrannt in das Zimmer meines Vollidioten eines Mitbewohners gehen wollte, Riss ich eine Seite aus meinem Notizbuch heraus und schrieb folgendes darauf:

(Das nächste Mal, wenn du mein Zeug benutzt, dann geh und kauf neues oder gib mir das Geld!)

Den Zettel klemmte ich dann unter die Ketchupflasche, die ich auf der Arbeitsfläche hatte stehen lassen.

Nach dem Abendbrot und einem kurzen Gespräch mit Lika, der offenbar das gleiche passiert war (!), ging ich dann duschen. Doch schon beim Betreten des Bades spürte ich meinen Puls schon wieder steigen, als das Türschloss erneut in Teilen im Bad lag! Und diesmal hatte es dieser Menschenaffe, wobei das eine Beleidigung für jeden Orang-Utan ist, geschafft, das Schloss so zu zerlegen, dass ich es nicht mehr einfach zusammenstecken konnte, wie sich kurz darauf herausstellen sollte! Wirklich klasse! Nach dem Duschen, ich hatte es zuvor versucht wieder zusammenzustecken, damit ich nicht mit offener Tür duschen müsste und hatte abgeschlossen. Als ich dann das Bad wieder verlassen wollte, zerfiel das Schloss in meiner Hand und ich war im Bad eingesperrt! Am liebsten hätte ich Dean Winchester like die Tür mit einem gezielten Tritt eingetreten, doch leider bin ich weder 1,80m groß, noch muskelbepackt und über zwei funktionstüchtige Füße verfüge ich im Moment auch nicht. Also war ich gezwungen Misha heranzurufen, der dann das Schloss von außen so reindrücken konnte, dass ich den Knauf von innen anstecken und so die Tür öffnen konnte.
Jetzt kann ich also nicht mal mehr die Badtür, die sowieso nicht mehr zu geht, abschließen! Ganz toll! Ist Privatsphäre nicht irgendwie eine Art Grundrecht?

Doch ich will mich jetzt nicht weiter darüber aufregen und eigentlich nur noch meinen Abend genießen.

Also, man liest sich!

Ein Alien, was wohl den Rest der Woche nicht mehr duschen gehen wird.

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36 Stunden

Am Samstagmorgen konnte ich nach ungefähr vier Stunden Schlaf noch gut den Rest des Alkohols in meinem Körper spüren. Es war ein seltsames Gefühl, der Übergang von Alkohol zu Kater. Gott sei Dank bestand unser Seminar am Samstag nur noch daraus, uns die Verschiedenen Regionen zu präsentieren, in denen wir unseren Freiwilligendienst absolvieren und im Endeffekt die anderen einzuladen, uns dort doch einmal zu besuchen (dass ich den letzten Part aussparte, könnt ihr euch sicherlich vorstellen).

Im Verlauf des Vormittags bekam ich dann ziemlich schlimme Kopfschmerzen, doch ich bereute keine einzige Sekunde des vorherigen Abends. Darauffolgend schrieben einige noch ein paar Feierlichkeiten, wie Geburtstage oder einfach generelle Daten auf, an denen es sich lohnen könnte, die eine oder die andere Stadt zu besuchen. Als Abschiedsgeschenk bekamen wir noch ein Schlüsselband, einen Schlüsselanhänger mit einer Erste-Hilfe-Maske sowie ein Notizbuch.

Zum Mittagessen waren wir dann entlassen und die ersten Freiwilligen reisten tatsächlich schon ab. Währenddessen kam ich auf die Idee, alle noch anwesenden Freiwilligen, leider kam mir die Idee zu spät und einige waren schon weg, in meinem Notizbuch unterschreiben zu lassen. Für mich ist es eine wirklich schöne Erinnerung an die beste Woche meines gesamten Aufenthalts in Polen und seitdem ich diese ganzen Unterschriften habe, schaue ich sie mir ständig an und erinnere mich, an diese unglaubliche Woche.

Nach dem Essen machten wir uns auf, noch einmal Warschau zu besuchen. Ich zog zusammen mit Lenka, Lika, Fani, Manon und Prema los, um das Planetarium zu besichtigen und eine Aufführung zu Chopin zu sehen.

Dort angekommen gab es leider keine Karten mehr, weder für das Eine, noch für das Andere und wir kontaktierten eine andere Gruppe, die die nahegelegene Bibliothek besichtigen wollte. Diese hatten sich kurzerhand dazu entschieden, doch lieber nach Praga zu gehen und da wir in der Nähe waren, sollten sie auf uns warten.

Auf dem Weg vom Planetarium nach Praga liefen wir durch eine Art kleinen Park, direkt am Planetarium, in dem es verschiedene Exponate zum Ausprobieren gab. Neben einem im Boden eingelassenen Glockenspiel gab es auch eine Art Stein-Xylophon, einige Klangsteine, die nass sein müssten, damit sie funktionieren könnten (leider war das Wasser abgestellt, da die Temperaturen in der Nacht teilweise immer noch unter 0°C sinken). Außerdem einige seltsame Mettalröhren mit Lautsprechern, die plätschernde und rauschende Geräusche von sich gaben, doch der Sinn dahinter erschloss sich uns nicht so ganz (vielleicht gab es ja in der Nähe eine öffentliche Toilette, die mit dieser Konstruktion einen Sponsorenvertrag abgeschlossen hat).

Während wir also nach Praga liefen, wurde es langsam dunkel und wir erinnerten uns mit Belustigung an die Worte unseres Guides vom Dienstag, der sagte, dass man Praga lieber nur am Tag besuchen sollte, wenn man gute Chancen haben will, lebend zurückzukehren.

Vor der Kirche, die ich in meinem Blogeintrag vom/bzgl. Mittwoch erwähnt habe, trafen wir dann auf die andere Gruppe und diesmal konnte ich endlich die Kirche auch von innen besichtigen. Es ist ein wirklich imposantes und wunderschönes Gebäude. Ich würde euch hier nun gerne einige Bilder zeigen, doch als wir die Kirche betraten, waren dort einige Menschen, die beteten und da ich es immer etwas respektlos finde, Fotos zu schießen, während andere Menschen dort gerade ungestört sein wollen, habe ich leider keine Bildbeweise der Schönheit des Gotteshauses.

Danach liefen wir quasi die gleiche Strecke ab, die wir auch am Mittwoch gelaufen waren, deswegen an dieser Stelle nur zwei neue Bilder, ein weiteres Foto von Street-Art und eines des Deutschen Bunkers, nochmal im Gesamten. Außerdem zwei Gruppenfotos unserer Praga-Tour.

Wir verließen Praga wieder und gingen in die Altstadt und besuchten ein Restaurant, wo einige von uns eine Kleinigkeit aßen, der Großteil aber einfach nur etwas trank. Daraufhin zogen wir noch durch einige weitere Lokale, die uns allerdings nicht aufnehmen wollten, da wir zu viele Personen waren. Nachdem wir dann endlich ein Lokal gefunden hatten, der Rest auch etwas gegessen hatte und wir beschlossen in einen Club zu gehen, trafen wir auf dem Weg tatsächlich noch die allerletzten Reste unserer Gruppe und zogen mit ihnen weiter.

Dann, wir liefen gerade eine ziemlich steile Kopfsteinpflaster-Straße herunter und ich unterhielt mich mit Juanlou, passierte mir ein kleines Missgeschick: eine kurze Sekunde der Unaufmerksamkeit wurde mir und meinem Fußgelenk zum Verhängnis und ich knickte um. Ein ekelhaftes Knacken schoss durch meinen Körper, ich konnte deutlich spüren, wie der Schuh um meinen Fuß enger zu werden schien, und ein Schmerz breitete sich von meinem Knöchel aus, der mich schon seit ein paar Jahren nicht mehr heimgesucht hat. Ich stand wieder auf, die anderen Freiwilligen waren mindestens genauso erschrocken, wie ich und fragten mich, ob alles okay sei. Als ich ihnen erklärte, dass nichts okay sei, ich mich verletzt hatte und mich unbedingt hinsetzen müsse, griffen Jordi und Juanlou mir sofort unter beide Arme und brachten mich in die Disco, vor der wir in diesem Augenblick standen, zu einer Bank, wo ich mich hinsetzen konnte. Sie fragten mich, ob sie irgendwas tun könnten, besorgten mir etwas Eis an der Bar, damit ich meinen Knöchel kühlen konnte und Juanlou zog los, um eine Apotheke zu finden, wo er mir ein paar Bandagen besorgen könnte. Das Eis half mir schon etwas, doch mir war klar, dass mir keine andere Möglichkeit blieb, als zurück zum Hostel zu fahren. Lika kümmerte sich also um eine Mitfahrgelegenheit für mich und Lenka begleitete mich zum Hostel.

An der Rezeption fragten wir dann nach ein paar Bandagen und einer Salbe und ich weinte natürlich schrecklich – immerhin tat mein Fuß scheiße weh und mit jeder Sekunde, die ich aufrecht stehen musste, wurde es schlimmer. Die Frau an der Rezeption versuchte schließlich mich zu beruhigen und sagte, ich solle nicht traurig sein, alles würde wieder gut werden. In der Situation war ich allerdings nicht in der Lage nett darauf zu antworten und reagierte recht schnippisch: I am not sad, I am in f*cking pain! (Ich bin nicht traurig, ich habe verf*ckte Schmerzen!). Im Nachhinein tat mir das schon etwas leid, doch in der Situation konnte ich einfach nicht damit umgehen. Die junge Frau an der Rezeption schien sich allerdings nicht daran zu stören und behandelte uns weiterhin sehr nett und zuvorkommend, gab uns einen Schlüssel für die Küche im zweiten Stock, wo wir nach Eis suchen sollten und außerdem ein paar Bandagen, mit denen ich meinen Fuß stabilisieren konnte.

Lenka und ich gingen in den zweiten Stock und während ich meinen Fuß verband, ging Lenka in die Küche und kam nur wenige Augenblicke später mit einer Ladung Eis wieder. Dann saßen wir noch eine ganze Weile, bis ungefähr um 3 Uhr zusammen und redeten über alles Mögliche, bevor wir beide beschlossen, lieber ins Bett zu gehen.

An dieser Stelle möchte ich eine kurze Beschreibung des Ortes des Geschehens abgeben: Wenn man in das Hostel an der Rezeption hereinkommt kann man entweder mit der Treppe nach oben gehen oder mit dem Fahrstuhl. Macht im Endeffekt keinen Unterschied. Oben angekommen steht man dann in einer Art Flur mit direkt angrenzendem Aufenthaltsbereich mit Billardtisch und Sofas. Und genau dort saßen wir.

Ungefähr Halb vier kam dann die erste Gruppe zurück ins Hostel, darunter auch Lika, die mich fragte, wie es mir geht und ob ich vielleicht noch etwas mit den anderen zusammensitzen möchte. Ich, schon komplett bettfertig und im Schlaf-T-Shirt überlegte nicht lange, zog mich wieder an und lief ganz im Stil von Frankensteins Assistenten Igor zu den Sofas im Flur. Dort saß ich dann gemeinsam mit Lika und Fani, später kamen noch Jordi, Maria, Ana, Melik, Derya, Damien, Manon – quasi unsere gesamte Gruppe in unterschiedlichen Abständen dazu. Einige sagten nur noch kurz „Gute Nacht“, andere blieben noch eine Weile und gingen dann ins Bett oder kämpften im Sekundentakt mit sich selbst, ob sie nun Schlafen gehen oder doch aufbleiben sollten – es war inzwischen in etwa 5 Uhr morgens. Besonders lustig war, dass der Wachmann, der unten an der Rezeption seinem Job nachgehen sollte, sich kurzerhand dazu entschloss, doch lieber ein Nickerchen abzuhalten.

Schlussendlich blieben Maria, Fani, Lika und ich zurück und redeten noch eine ganze Weile. Ich war zu meiner eigenen Überraschung überhaupt nicht mehr müde, doch die anderen machten es sich auf einem Sofa bzw. auf dem Boden bequem und da mir etwas langweilig wurde (und ich zuvor auch schon nur für Lika und Fani gesungen hatte), begann ich also leise und ruhig Lieder für die anderen zu singen.

Einmal dachte ich, sie wären eingeschlafen und hörte auf, doch dann kam ein unzufrieden gegrummeltes „No…go on!“ („Nein, mach weiter!“) von Lika also sang ich weiter. Und so sang ich bis ungefähr halb 7 Uhr, bis ich langsam merkte, dass meine Stimme den Geist aufgab und mich doch langsam auch die Müdigkeit quälte. Ich legte mich also auch hin und „schlief“ für ungefähr eine halbe Stunde, bis der erste Wecker klingelte.

Das Aussehen unserer Gruppe und das gesamte Gefühl lässt sich wohl am besten mit diesem Bild beschreiben:

Wir waren alle unglaublich erschöpft, müde und dazu auch noch traurig, abreisen zu müssen. Da ich mir wie bereits erwähnt meinen Fuß verletzt hatte, wollte bzw. konnte ich schlichtweg nicht die gesamte Strecke zurück nach Sejny mit dem Bus fahren. Lange Zeit zu stehen war genauso anstrengend und schmerzhaft, wie lange Strecken zu laufen. Also versuchte ich Kris anzurufen, damit er (oder einer meiner Kollegen) mich zumindest in Suwałki abholen könnte. Zunächst ging er nicht ran, also versuchte ich es bei Iwona. Nach einigem hin und her telefonieren (und wer mich kennt, der weiß, es gibt wohl kaum etwas auf der Welt, was ich so sehr hasse, wie zu telefonieren) hatte ich dann endlich Kris am Hörer. Mitten im Gespräch brach jedoch die Verbindung ab, später sollte ich erfahren, dass sein Akku leer gegangen ist – ich verschone euch an dieser Stelle mit genaueren Details zu meinem Zustand an diesem Morgen. Ich war übermüdet, ich wusste nicht, wie ich zurück nach Sejny kommen sollte, ich musste meine neue Familie schon wieder verlassen – den Rest könnt ihr euch denken.

Am Ende hat doch noch alles geklappt und Kris hat eine Mitfahrgelegenheit für mich ab Suwałki organisieren können. Um kurz vor um 1 Uhr, Jordi und ich waren die letzten Halbtoten im Hostel, machte ich mich mit meinem Gepäck also auf den Weg zu meiner Haltestelle.

Mit dem Bus fuhr ich dann zum Warschauer Busbahnhof.

Und ich muss schon sagen, ich war ein bisschen stolz auf mich, als ich ganz ohne Hilfe, Nachfragen, Nervenzusammenbruch oder Panikattacke den richtigen Bus auf der gigantischen Anzeigetafel und dann auch die richtige Haltestelle gefunden habe. Der Busbahnhof erinnerte nämlich eher an einen Flughafen. Viele Menschen, viele Koffer, viele Bänke, viele Läden und viele Busse die zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Stationen zum gleichen Ziel fahren.

Als ich dann endlich im richtigen Bus saß, versuchte ich während der Fahrt auch ein wenig zu schlafen. Mehr als kleine Nickerchen von ca. 15 Minuten am Stück waren allerdings auch nicht drin und nach etwa sechs Stunden Fahrt kam ich am Busbahnhof Suwałki an, wo mich schon ein Arbeitskollege erwartete.

Gemeinsam fuhren wir dann zurück nach Sejny. Während der Woche in Warschau gab es unter anderem einen Running Gag in unserer Gruppe: Disco-Polo. Eine unglaublich trashige, in Polen selbst unangesehene Musikrichtung, die auf der Autofahrt, gemixt mit einigen Italian-Disco Tracks lief. Nach guten 36 Stunden ohne wirklichen Schlaf störte mich das allerdings nicht und belustigte mich eher.

In Sejny gingen wir noch kurz in einen Laden (ja, ein Laden, der am Sonntagabend noch geöffnet hatte. Ich war selbst überrascht), wofür ich sehr Dankbar war, denn seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen. Dort kaufte ich mir ein Brot, etwas Margarine (immerhin wollte ich am Abend nicht auch noch mit harter Butter kämpfen müssen), etwas Wurst und eine Tüte mit diesen Dingern:

Das sind kleine Hefeteile, gefüllt mit Marmelade, vermutlich Heidelbeere oder Brombeere, jedenfalls nicht Erdbeere, die an sich ganz lecker, wenn auch ziemlich trocken waren.

Zurück in der Wohnung schrieb ich noch ein wenig mit den anderen Freiwilligen, bevor ich endlich, nach über 36 Stunden ohne Schlaf ins Bett ging.

Und wenn wir in diesem verdammt langen Eintrag schon Samstag und Sonntag zusammengefasst haben, dann kann ich auch gleich noch den Montag mit anhängen:

Am Montag bin ich wie immer recht früh aufgewacht, doch blieb eigentlich quasi den ganzen Tag nur im Bett liegen. Ich hatte Kris Bescheid gesagt, dass ich heute noch einen Tag länger meinen Fuß schonen wollte und am Dienstag wieder zur Arbeit kommen würde (im Nachhinein betrachtet hätte ich vermutlich auch noch den Dienstag abwarten sollen). Den restlichen Tag habe ich damit verbracht in meinem Bett zu sitzen, hin und wieder aufzustehen, um mir zum Beispiel etwas zu essen zu machen und mir Dokumentationen über Serienmörder, verschwundene Personen oder auch Verschwörungstheorien, z.B. zum britischen Königshaus anzusehen. Doch keine Angst, ich werde jetzt nicht zum Schwurbler und will meine Kinder nicht mehr impfen lassen oder beginne Aluhütchen zu basteln – es waren alles nur gut recherchierte, nicht-meinungsmachende, neutrale Dokumentationen, die schlichtweg informativ und nicht in irgendeiner seltsamen Art und Weise total verrückt waren.

Also, man liest sich!

Ein Alien, das verlernt hat, richtig zu schlafen.

Blog von Liesa-Marie Müller

From Germany to Poland in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, eine andere Kultur kennenzulernen

Fußball in Warschau

Am Freitagmorgen war es meine Aufgabe der Gruppe den Cup-Song beizubringen. Und dabei ist mir eine Sache besonders aufgefallen: unsere Gruppe bestand zu großen Teilen aus Alphatieren. Zuerst zeigte ich allen den gesamten Rhythmus und die Reaktion darauf war verunsichertes Lachen und die Bemerkung, dass sie Anfänger seien und das zu schnell für sie war. Natürlich wusste ich das und wiederholte nochmal in aller Deutlichkeit, dass das ihnen nur zeigen sollte, wie es am Ende aussehen soll und was sie jetzt lernen werden.

Durch mein FSJ hatte ich natürlich schon Erfahrung damit, anderen den Beat beizubringen und die anderen Freiwilligen verstanden auch schnell die einzelnen Abläufe. Für die, die mir gegenübersaßen, war es teilweise etwas schwierig und sie spielten den Rhythmus in die falsche Richtung, weshalb ich dann die Seiten wechselte, sodass jeder mit mir mitmachen konnte, der es brauchte. Schlussendlich bekam es der Großteil der Gruppe sehr gut hin und wir begannen zu üben, den Becher beim Trommeln weiterzugeben. Und nach nur wenigen Versuchen klappte es fast ohne Probleme. Mir ist nur einer aufgefallen, der aus dem Takt kam und stattdessen einfach den Becher nur weitergab.  Es war wirklich eine schöne Erfahrung und lustig zu sehen, wie stolz alle waren, als sie den Beat hinbekommen haben. Schlussendlich schafften wir es gut eine Minute durchgängig, den Becher weiterzugeben. Danach fragte ich noch, ob sie auch einmal das Lied zum Beat hören wollten und sang es für die ganze gruppe während ich den Beat mit dem Becher spielte. Es war wirklich toll und es hat allen gut gefallen. Für mich war es das erste Mal, dass ich vor einer relativ großen Gruppe gesungen habe und es war eine wirklich schöne Erfahrung. Für die restlichen Tage fragten mich die anderen öfter mal, ob ich etwas für sie singen könnte und es war total lustig.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr ganz genau, was wir den Rest des Tages gemacht haben (diesen Eintrag habe ich übrigens schon einmal geschrieben, dann entschied sich mein Laptop aber mal wieder dazu einzufrieren und aus unerfindlichen Gründen wurde das Dokument nicht zwischengespeichert, deswegen bin ich mir im Moment sehr unsicher, nicht irgendwas zu vergessen, was ich vorher schon geschrieben habe), ich kann mich allerdings noch erinnern, dass wir am Abend eine ähnlich Übung, wie einige Tage zuvor hatten: es gab eine Tabelle mit drei verschiedene Zeiten und vier verschiedenen Orten, an denen zur selben Zeit verschiedene Themen behandelt wurden. Ich entschied mich als erstes Thema für Konfliktbewältigung und wie man ein schwieriges Gespräch führen kann. Uns wurde erklärt, welche Worte man am besten wählen könnte und welche Dinge man dabei transportieren sollte.

Als nächstes stand ein Thema, das Lenka vorgeschlagen hatte auf meiner Liste: Normen und Vorurteile. Lenka leitete das Thema sehr gut an, machte eine Art „Gedankenreise“ mit uns, bei der wir durch den nahegelegenen Park liefen und auf verschiedene Menschen trafen. Zum Beispiel ein Kind, das mit einem Ball spielte, ein Paar, das uns entgegengelaufen kam, eine Person, die müde und erschöpft auf einer Parkbank saß. Keine weiteren Details zu Geschlecht oder Aussehen der Personen und daraufhin fragte uns Lenka, wie die Personen aussahen, die wir trafen, wie alt sie waren, war das Paar heterosexuell oder waren es zwei Männer/Frauen usw. Es war eine wirklich interessante Erfahrung und zeigte, worauf wir unterbewusst „konditioniert“ sind. Daraufhin zeigte sie uns noch ein Video, was ich euch wärmstens empfehlen kann! Es handelte sich um ein Video einer nigerianischen Schriftstellerin, die von der Gefahr einer einseitigen Sichtweise auf die Welt erzählt. Es ist eine wirklich interessante und bewegende Rede.

Unter diesem Link könnt ihr euch die gesamte Rede, auch mit deutschen Untertiteln ansehen.

Nach diesem Thema blieb ich gleich im selben Raum, denn als nächstes wollten wir uns über kleine Spiele, Warm-Ups usw. austauschen, die wir möglicherweise auch schon in unserem EVS gebraucht haben. Wir hatten sehr viel Spaß mit einem gregorianischen Spiel oder auch einem aus Spanien, wobei ich letzteres auch schon kannte. Dann hörten wir laute Geräusche von draußen, knallen und öffneten natürlich ein Fenster, um zu sehen, was da draußen vor sich ging. Offenbar fand heute ein Fußballspiel in Warschau statt, eine Menge Polizei war unterwegs und die Fans zogen durch die Straßen. Die Teamerrinnen rieten uns, dass es heute keine gute Idee sei, rauszugehen, da die Fans zu großen Teilen ziemlich aggressiv seien und nicht sonderlich gut auf Ausländer zu sprechen seien. Nach dem Abendbrot entschied sich eine kleine Gruppe von uns dazu, das Fußballmatch zu besuchen. Die anderen blieben entweder im Hostel oder gingen doch zu der Bar, die nur etwa fünf Minuten vom „Agrykola“ entfernt ist, und die uns schon die vergangenen Tage ertragen hat. Ich schloss mich dieser Gruppe an und die Bar war tatsächlich so gut wie leer. Wir hatten einen wirklich tollen und unglaublich lustigen Abend mit vielen Spielen, vielem Anstoßen und Lachen.

Das sind Prema, Fani (Stefano), Lika und ich.


Etwa drei bis vier Stunden, nachdem wir in die Bar gegangen waren, sprach uns ein sehr netter Mann an, der uns nett aber bestimmt darauf hinwies, dass das Match vorbei sei und die Fans und Hooligans bald in diese Bar kommen würden und wir zu unserer eigenen Sicherheit lieber das Etablissement verlassen sollten. Und nur etwa zwei Minuten später, wir sprachen gerade noch mit diesem Mann, erschienen schon die ersten Fans in der Bar und sahen nicht sonderlich begeistert aus, uns dort sitzen zu sehen. Schnell reagierten die erste, die die Situation bemerkten und wir informierten uns gegenseitig, dass wir sofort unser Zeug nehmen werden und zurück zum Hostel gehen würden. Und keine Minute später waren wir draußen, begleitet von wütenden und missbilligenden Blicken der Fußballfans.

Im „Agrykola“ saßen dann Lika, Juanlou, Korab und ich zusammen. Wir waren alle drei recht traurig und entsetzt darüber, dass wir die Bar so schnell verlassen mussten. Immerhin hatten wir uns auf eine tolle Zeit mit – ja – recht viel Alkohol eingestellt. Uns war es nicht erlaubt im Hostel zu trinken, deswegen zogen Juanlou und Korab kurzerhand los, zurück in die Bar, um uns jeweils ein Bier zu besorgen. Lika und ich waren beide nicht sonderlich begeistert von der Idee und machten uns doch ganz schön sorgen um die beiden, doch die ließen sich von ihrem Plan nicht abbringen und nach etwa zehn Minuten kamen sie mit vier Flaschen Bier zurück. Wir beschlossen uns kurzerhand in eine der Kabinen am Spielfeldrand vor dem Hostel zu setzen (zur Erklärung: das „Agrykola“ ist ein Sporthostel mit direkt angrenzendem Sportplatz mit Laufbahn und Fußballplatz) und weiter zu reden und zu trinken. Gemeinsam verbrachten wir noch einen schönen Abend bevor wir ziemlich früh am Samstagmorgen auf unsere Zimmer verschwanden.

Obwohl uns die Situation mit den Fans doch etwas erschreckte, hatten wir sehr viel Spaß an diesem Abend.

Also, man liest sich!

Ein Alien das die Folgen des Alkoholkonsums im nächsten Eintrag beleuchten wird.

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Pläne für EVS und das Leben danach

Am Donnerstag drehte sich der Seminartag hauptsächlich um unsere bisherigen Erfahrungen im EVS, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen können und was wir für die restliche Zeit des EVS planen. Ihr könnt euch vorstellen, dass diese Übungen für mich eher etwas unangenehm waren, doch die anderen Freiwilligen wussten natürlich über mich und meine Situation Bescheid; im Verlauf der Woche hatte ich viel über meine Zeit hier und meine Probleme mit meinem Mitbewohner gesprochen, dementsprechend waren alle sehr verständnisvoll.

Unser Tag begann damit, dass wir in Paaren zusammengehen sollten, um einen kleinen Spaziergang zu unternehmen (wer nicht wollte, konnte natürlich auch im Hostel bleiben, doch ich glaube jeder von uns war draußen unterwegs) und dabei über unsere bisherigen Erlebnisse und Pläne zu sprechen. Prema und ich gingen zusammen und besuchten das Schloss, welches sich über dem Park, direkt neben dem Hostel, befindet.

Von dort oben hatte man einen wirklich tollen Ausblick und das Wetter war fantastisch.
Das Gespräch mit Prema war wirklich interessant. Sie erzählte mir, dass sie in ihrer Einsatzstelle oft Seminare in Schulen zu verschiedenen Themen abhalten. An einem ihrer ersten Tage wurde sie gleich in eine relativ kleine Stadt in eine dementsprechend kleine Schule mitgenommen. Das Seminar war für eine zweite Klasse, wenn ich mich richtig erinnere und für Prema war es lustig, fast schon niedlich die Reaktion der Kinder zu sehen, als sie den Klassenraum betrat. Prema ist eine Woman of color und als sie den Raum betrat, machten alle Kinder große Augen, da sie vorher noch nie einen Menschen einer anderen Hautfarbe gesehen hatten. Doch die erste Überraschung der Kinder verflog schnell und Prema verbrachte einen schönen und entspannten Tag in der Schule.

Nach ungefähr einer dreiviertel Stunde gingen wir zurück ins „Agrykola“ und werteten unsere Gespräche kurz aus. Als nächstes wurden wir in Gruppen eingeteilt mit einer interessanten Methode: Kasia, eine der zwei Teamerinnen, hielt in ihrer Hand ein großes Bündel, von dem mehrere Stricke wegführten. Jeder von uns sollte ein Ende nehmen, dann ließ Kasia los und wir sahen, dass es sich tatsächlich um verschiedene Knoten handelte, zu denen jeweils fünf bis sechs Stricke führten. Ich landete in einer Gruppe mit Zurab, Melik, Derya, Levan und Jordi. Dann bekam jede Gruppe eine Karte mit der Beschreibung einer bestimmten schwierigen Situation, mit der wir im EVS konfrontiert werden könnten. Als ich unsere Karte las brach ich sofort in sarkastisches Gelächter aus: unsere Situation war, dass der Mitbewohner nie sein dreckiges Geschirr abwäscht und man selbst immer alles sauber hält, doch der andere interessiert sich nicht dafür.

Jedenfalls bestand unsere Aufgabe dann daraus, ein kleines Schauspiel vorzubereiten, wie wir diese Situation lösen könnten. Im Endeffekt spielten Derya und ich die Mitbewohner, die immer versuchen, alles sauber zu halten, Jordi und Levan waren die 2 Mitbewohner, die nichts abwuschen (wobei Jordi einsichtiger sein sollte als Levan) und Zurab und Melik sollten die Koordinatoren spielen. Ich verschone euch jetzt mit weiteren Details, im Endeffekt war es sehr lustig, auch wenn es für mich im ersten Moment ein ganz schöner Schock war, da ich die Woche ja eigentlich dazu nutzen wollte, diese ganze Situation ein wenig zu vergessen.

Gegen Abend war es dann unsere Aufgabe, ein „Visionboard“ zu erstellen. Die eigentliche Aufgabe war es, Dinge zu sammeln, die wir im weiteren Verlauf des EVS noch erreichen wollen, was für Pläne wir haben, welche Projekte wir vielleicht noch durchführen wollen etc. Da ich nächste Woche natürlich aus Polen verschwinden werde und es mich eher demotivieren würde, Dinge nach dem „hätte, wäre, wenn“-Prinzip zu sammeln, erstellte ich ein Visionboard für meine Zeit nach dem EVS.

Es zeigt neben dem Wappen von Rostock, einige gestapelte, beschriebene Blätter, die meine Liebe zum Schreiben symbolisieren sollen und meinen Wunsch, meinen eigenen Schreibstil immer weiter zu verbessern. Außerdem ein Kleid ähnlich zum Barockstil, womit ich nicht so ganz zufrieden bin. Ich hatte das Kleid zunächst vorgezeichnet, da ich jedoch gerne eine Art Collage machen wollte, entschloss ich mich dazu, die einzelnen Teile aus verschiedenem Papier auszuschneiden und aufzukleben, was meiner Meinung nach nicht sonderlich gut funktioniert hat. Sehr zufrieden bin ich dafür mit der Barrock-Perücke. Außerdem zeichnete ich die Balkonszene aus „Romeo und Julia“ in einem sehr minimalistischen Stil, für mein Studium als Bühnenmalerin. Den Pinsel, der die „Wolke“ als Rahmen für die Collage malt, muss ich denke ich wohl nicht wirklich erklären und wer sich jetzt fragt, was zum Teufel dieses komische Ding in der Mitte des oberen Bildrandes ist: keine Ahnung. Da war einfach noch Platz, ich hatte noch zeit und habe einfach irgendwas dort hingezeichnet. Leider waren die Buntstifte nicht sonderlich gut und die Zeichnung sieht dementsprechend ein wenig seltsam und nicht so schön aus.

Am Abend fand dann unsere Überraschung statt: eine polnische Folklore-Tanzgruppe tanzte und sang für uns und brachte uns sogar ein paar Tänze bei. Krakowiak, Polonaise und Klapkowski, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass mich Google bei diesem Namen anlügt, da ich eher etwas in die Richtung „Klapkowiak“ im Hinterkopf habe, doch leider nichts dazu finden kann. Es war eine wirklich lustige und interessante Erfahrung mit der Tanzgruppe zu tanzen und ich war wirklich überrascht, dass alle mitgemacht haben. Keiner der Jungs, kein Mädchen ist sitzen geblieben oder wollte nicht mittanzen, jeder stand auf und jeder machte mit und es war unglaublich lustig.

Doch uns wurden nicht nur Tänze beigebracht: einige Jungs durften sich am Peitschen-Knallen ausprobieren und es gab einen kleinen Wettbewerb, den Melik gewann.

Danach wurden Knoten mit jeweils drei Enden hereingebracht und einige Mädels, darunter auch ich, hatten die Aufgabe, so schnell wie möglich einen möglichst gleichmäßigen Zopf zu knüpfen. Cio gewann den Wettbewerb. Frau Woggon, ich bin mir sicher, du hättest auch eine verdammt gute Chance gehabt, das zu gewinnen.

Als Preis bekam jeder von uns einen Button, den ich natürlich sofort zu meinem kleinen Button aus Marijampole an meine Tasche pinnte.

Nach dem ungefähr zweistündigen Programm überlegten wir, was wir als nächstes machen könnten. Juanlou schlug vor, dass er uns Bachata beibringen könnte. Wir waren alle begeistert von dieser Idee und so tanzten wir für weitere zwei Stunden.

Danach beschlossen einige von uns noch in eine nahegelegene Bar zu gehen und den Abend ausklingen zu lassen.

Spät abends kamen wir zurück ins Agrykola und fielen alle nur noch ins Bett.

Also, man liest sich!

Ein Alien, was seine neue Familie vermisst und Schwierigkeiten hat, sich an alles möglichst genau zu erinnern.

Blog von Liesa-Marie Müller

From Germany to Poland in less than 24 hours – oder: wie ein grünhaariges Mädchen und ihr Schaf sich auf den Weg machten, eine andere Kultur kennenzulernen

History and Politics of Warszaw

Für diesen und die folgenden Blogeinträge möchte ich nochmal mit erwähnen, dass ich alles, was passiert ist, nur noch an meinen Fotos und meiner vagen Erinnerung festmachen kann und ich deshalb keine Garantie auf Vollständigkeit geben kann.
Besonders an diesem Eintrag ist außerdem, dass ich ihn am Mittwoch bereits geschrieben hatte, mit ihm allerdings unzufrieden war und ihn heute (Montag) noch einmal überarbeitete.

Bevor ich jetzt beginne euch zu erzählen, was am Mittwoch letzte Woche passiert ist, möchte ich kurz etwas Zeit nutzen, um euch meine kleine Familie von Freiwilligen vorzustellen. Ich weiß, dass ich am Sonntag vorm Seminar unglaublich unmotiviert war und sicherlich einige von euch mit meiner Negativität genervt habe und dafür möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen, denn im Moment würde ich mir am liebsten irgendwo ein Auto besorgen, meine restlichen Sachen packen und eine Tour durch Polen machen und alle anderen Freiwilligen besuchen, weil ich sie jetzt schon vermisse.

Ich teilte mir mein Zimmer mit zwei Mädchen aus Spanien, Ana und Maria, Lika aus Georgien und Lila aus der Ukraine. Lila war recht schüchtern und sprach nicht viel Englisch, doch wenn man ein wenig Zeit mit ihr verbrachte, taute sie schnell auf und war unglaublich nett. Ana sprach nur sehr wenig Englisch und fühlte sich so unsicher dabei, dass sie meistens Spanisch sprach und Maria für sie übersetzte. Dafür hatte Ana das Talent, mit spontanen Rufen oder Aussprüchen alle zum lachen zu bringen. Lika und ich verbrachten die gesamte Woche zusammen, gingen fast überall gemeinsam hin und hatten uns schnell angefreundet. Sie war auch die erste, mit der ich mich am Montag unterhalten habe, wer sich noch an diesen Eintrag erinnert.

Aus Georgien stammten außerdem Cio und Levan und auch Zurab. Cio und Levan sind verheiratet und beide unglaublich nett und aufmerksam. Zurab spricht neben seiner Landessprache (die übrigens wunderschön anzuhören und anzusehen ist) auch Russisch, ein paar Brocken Deutsch, ziemlich gutes Englisch und auch schon relativ flüssiges Polnisch.

Neben Maria und Ana kamen auch Juanlou und Carlos (Juan Louis aber sein Spitzname ist Juanlou) aus Spanien. Am Donnerstagabend brachte Juanlou uns Bachata bei, doch dazu komme ich in einem anderen Eintrag. Er war super nett, unglaublich lustig und auch sehr hilfsbereit, was sich als sehr nützlich für mich am Samstagabend herausstellen sollte, doch auch hier gilt: alles in einem weiteren Eintrag. Carlos war ebenfalls ein sehr höflicher junger Mann, wenngleich seine Stimme mich am Anfang irritierte, kurz darauf sehr belustigte, dann doch eher nervte, bis ich mich schließlich mit ihr abfinden konnte. Er sprach nur sehr wenig Englisch und fühlte sich sehr unsicher dabei, doch als ich ihm signalisierte, dass das absolut kein Problem sei und er mich immer fragen konnte, sollte er mal etwas nicht verstanden haben, fühlte er sich scheinbar etwas besser und war auch nicht mehr so scheu, nachzufragen.

Aus unerfindlichen Gründen landete ich bei Gruppenarbeiten meistens mit Jordi aus Katalonien in einer Gruppe. Und dabei war es völlig egal, wie zufällig die Gruppen ausgewählt wurden, egal ob Abzählen, einen Strick in die Hand nehmen, der mit 5 weiteren Personen verknüpft war oder simples Auslosen – irgendwie waren wir fast immer in einer Gruppe. Wir hatten stets viel Spaß gemeinsam, doch leider bin ich nicht mehr dazu gekommen, ihn ein wenig über die katalonische Geschichte auszufragen, da mich die Situation mit Katalonien und Spanien doch sehr interessiert.

Aus Portugal kam Daniel. Mit ihm hatte ich nicht sonderlich viel zu tun, doch wann immer wir einmal gemeinsam am Esstisch saßen oder irgendwo als Gruppe hinliefen, konnten wir schöne und interessante Gespräche führen.

Ein weiterer Einzelvertreter seines Landes ist Stefano aus Italien. Fani, wie ich ihn seit Donnerstag nenne, hat einen Zwillingsbruder und einen ausgezeichneten Humor. Und die beste Pizza, die er je gegessen hat, war eine Pizza Margherita in – wir waren alle etwas entsetzt – Kanada!

Korab aus Albanien sorgte manchmal für Aufsehen in de Gruppe. So ziemlich jeder mochte ihn, doch sein Humor wurde entweder gehasst oder geliebt, da gab es nicht viel dazwischen. Interessant war, dass er eine Zeit lang bei Game of Thrones mitgespielt hat, und nicht etwa nur als Statist, sondern tatsächlich als eine der Hauptrollen.

Die Älteste der Gruppe war Lenka aus der Slowakei. Sie war relativ ruhig doch ebenfalls sehr nett und aufmerksam. Sie sprach relativ gutes Englisch und konnte uns durch die Gemeinsamkeiten der slowakischen und polnischen Sprache gut weiterhelfen.

Prema kommt zwar aus Frankreich, geboren wurde sie allerdings auf der Insel Mauritius. Neben Englisch spricht sie außerdem Französisch und Kreol. Wir redeten sehr viel mit einander und hatten immer unglaublich viel Spaß. Auch charakterlich konnten wir einige Gemeinsamkeiten ausmachen, beispielsweise ist sie ebenso eine Mutti, wie ich sie bin und hat Freude daran, sich viel um ihre Mitmenschen zu kümmern.

Ebenfalls aus Frankreich stammen Damien und Manon. Mit Damien, Jordi und Fani habe ich am Montagabend Pool gespielt. Sowohl mit Manon als auch mit Damien habe ich mich sehr viel unterhalten. Beide sind wirklich super tolle Menschen, wobei ich das von allen, die ich kennenlernen durfte, sagen kann.

Aus der Türkei waren es fünf verschiedene Freiwillige. Derya und Merik waren die zwei mit denen ich mich diese Woche vermutlich am meisten unterhalten habe. Sehr nett und sehr herzlich, aufgeschlossen und lustig. Mit Elif und Tuǧba hatte ich so gut wie nichts zu tun. Wir haben vielleicht zweimal miteinander gegessen und geredet, doch nie sonderlich viel, da sie leider nicht so gut Englisch sprachen, dennoch waren beide sehr nett.

Neben Lila, von der ich bereits geschrieben habe, kamen drei weitere Freiwillige aus der Ukraine: Anastasia, Ira und Aleksandr. Anastasia ist sehr selbstbewusst und spricht sehr gutes Englisch. Mit ihr konnte ich mich immer gut unterhalten, auch wenn sie manchmal eine Art an sich hatte, die ich nicht so ganz zuordnen konnte. Ira spricht neben ihrer Landessprache auch Russisch, Deutsch und Englisch und irgendwie hatte ich das Gefühl, sie irgendwo schon einmal getroffen zu haben. Aleksandr sprach leider fast gar kein Englisch, verstand dafür aber Russisch also habe ich manchmal versucht, ihm auch ein paar Fragen oder Antworten auf Russisch zu liefern. Wenn er ein wenig getrunken hatte, taute er richtig auf, was uns alle sehr erfreute.

So, das müssten jetzt eigentlich alle gewesen sein. Und wenn mich jemand fragt, was ich aus meiner Zeit in Polen mitbringe: Nun ja, Kontakte und Einladungen nach ganz Europa und die Fähigkeit „Prost“ in 14 verschiedenen Sprachen zu sagen!

Am heutigen Seminartag drehte sich alles um Kultur. Begonnen haben wir damit, uns ein wenig mehr über die verschiedenen Kulturen unserer Gruppe zu unterhalten. Zu diesem Zweck wurden uns einige Kategorien mit Fragen bzw. Zusatzinformationen zum besseren Verständnis vorgegeben, so wie beispielsweise „Bildung“, „Tabus“ oder „Politik und Geschichte“. Von diesen Kategorien sollte sich jeder 2-3 aussuchen, über die man gerne diskutieren wollte, dann wurden wir in Gruppen eingeteilt und sollten uns entscheiden, worüber wir schlussendlich reden wollten. Meine Gruppe entschied sich dazu, die verschiedenen Schulsysteme, in unserem Fall waren es die Systeme Georgiens, der Türkei, der Ukraine, Deutschlands und Mazedoniens. Uns fiel auf, dass es tatsächlich viele Gemeinsamkeiten gibt, beispielsweise, dass die Unterrichtsmethoden weitestgehend veraltet sind, oder, dass die Kinder nur für Arbeiten und Tests und nicht für ihr Leben lernen. Daraufhin sprachen wir noch kurz über das Thema „Geflüchtete“ und ich erfuhr, dass Georgien tatsächlich ein ganz eigenes Problem hat, da im Inland viele Menschen aus dem nördlichen, an Russland grenzenden Teil nach Süden fliehen, um Angriffen Russlands aus dem Weg zu gehen.

Nach der darauffolgenden Kaffeepause begannen wir damit, uns auf die größte der heutigen Aufgaben vorzubereiten: Jeder sollte sich eines der vorgegebenen Themen, die wir am Montag zusammengetragen haben, auswählen, mit dem dann weitergearbeitet werden sollte. So entstanden verschiedene Gruppen: Natur und Tiere (entstanden durch unsere Begegnung mit dem Fuchs am Montag), Kleidung, Musik, Literatur und Politik und Geschichte. Zur Informationsbeschaffung war es unsere Aufgabe, selbstständig mit Bus und Tram durch Warschau zu fahren und uns wichtige Denkmäler, Gebäude o.ä. dazu anzusehen. Ich konnte mich im Thema „History and Politics“ (Geschichte und Politik) wiederfinden und gemeinsam mit Melik, Jordi, Lenka und Carlos zog ich nach dem Mittagessen los, um Warschau zu erkunden. Dabei konzentrierten wir uns hauptsächlich auf die Zeit während und nach dem zweiten Weltkrieg sowie die aktuellen Geschehnisse in der Politik.

Als erstes besuchten wir das polnische Parlament, das sich nur etwa 10 Minuten vom „Agrykola“ entfernt befindet.

Melik kannte sich in der Gegend recht gut aus, da er mit der Schule, in der er arbeitet, das Parlament schon einmal besucht hat und konnte uns somit direkt dort hinleiten. Wir konnten es natürlich nur von außen ansehen, da man sich für eine Tour anmelden müsste, doch Melik zeigte uns ein paar Bilder. An sich erinnerte es sehr stark an den deutschen Bundestag, nur die Wappen und Flaggen usw. waren natürlich anders.

Und als wir so davorstanden, redeten und Informationen zur aktuellen politischen Lage googelten, kam dieser Herr in Uniform an uns vorbeimarschiert. Irgendwie kam mir die Uniform bekannt vor.

Direkt gegenüber vom Parlament befindet sich dieses Denkmal:

Es ist den gefallenen Soldaten des zweiten Weltkrieges gewidmet und auch hier findet sich wieder das Kotwica, das Ankersymbol aus meinem vorherigen Blog. Wenn man so durch Warschau läuft, kann man es überall sehen. Nicht nur an historischen Plätzen oder Denkmälern, sondern auch neuere Graffiti beinhalten oder sind ganz einfach dieses Symbol. Es hat also bis heute eine große Bedeutung in Polen.

Da wir etwas mehr zum Denkmal herausfinden wollten, sprachen wir eine Frau an, die gerade daran vorbeigelaufen kam. Sie sprach nur wenig Englisch und schien ein wenig davon überrumpelt zu sein, als sie fünf junge Ausländer ansprachen. Wir fragten sie, ob kürzlich ein Gedenktag oder eine Gedenkveranstaltung gewesen wäre, da Kränze und Blumen vor dem Denkmal lagen. Sie erklärte uns dann, das dieses Denkmal von den Politikern des Parlaments auch gerne mal für Propagandazwecke genutzt wird. Wann immer sie ein Foto brauchen, bei dem sie Kränze und Blumen für die gefallenen Soldaten niederlegten, brauchten sie nur mit viel Presse die Straße zu überqueren und schon konnten sie zeigen, wie wichtig ihnen doch die eigene Geschichte sei.

Da sich das Denkmal direkt an einer Straßenecke befindet, gab es eine interessante Dreieckskonstellation von politischen Schauplätzen: auf einer Seite das Parlament, überquerte man die Straße kam man zum Denkmal und auf der nächsten Straßenseite befanden sich Stände einer Demonstration gegen die Politiker im Parlament. Schubkarren mit Bildern polnischer Politiker waren aufgereiht, jeweils mit der Unterschrift „One Way Ticket“. Offenbar will da jemand diese Herren loswerden.

Ganz in der Nähe standen zwei junge Polizisten und wir beschlossen, die beiden zu fragen, wogegen bzw. wofür hier genau demonstriert wird. Leider konnten uns die zwei Herren nicht weiterhelfen und sie meinten nur, dass das eine sehr kleine Gruppe sei, für die sich hier keiner interessiere und dass sie nicht genau wüssten, wofür die demonstrieren. Mit dieser überaus unbefriedigenden Information machten wir uns auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle, um einen Bus zu einer Straßenbahnhaltestelle zu nehmen, da uns unser Weg als nächstes nach Praga führen sollte.

Man sieht Praga an, dass es ein altes, nicht sonderlich angesehenes Stadtviertel ist. Neben viel Streetart und Skulpturen:

Das besondere an dieser Skulptur ist, dass man die Lieder dieser Band anhören kann, wenn man an die kostenlosen Nummer, die auf der Pauke steht, eine SMS mit der Nummer des gewünschten Liedes schickt.

Finden sich auch sehr alte und heruntergekommene Gebäude aus Vorkriegszeit:

Oder auch aus der Sowjetzeit:

Wir besuchten außerdem einen alten deutschen Bunker, mehr als eine dicke Mauer aus Beton, die den eigentlichen Bunker zu umgeben schien, konnten wir allerdings nicht sehen.

Außerdem kamen wir an einer wunderschönen Kirche vorbei, doch leider wollte sie niemand außer mir auch einmal von innen sehen, also gingen wir weiter.

Nachdem wir uns genug in Praga umgesehen hatten, beschlossen wir nochmal in die Altstadt zu fahren.

Dort besuchten wir eine Touristeninformation und fragten die nette Frau, die dort arbeitete ein wenig zur Geschichte Polens unter Sowjetischer Führung und wie in Polen die Wende vom Kommunismus zum Kapitalismus von statten ging, aus. Sie erklärte uns, dass es auch in Warschau friedliche Demonstrationen gab, die oftmals jedoch gewaltsam von den Russen beendet wurden. 1989 schließlich wurde auch in Polen damit begonnen, den Kommunismus aus der Politik zu verbannen und den Kapitalismus einzuführen.

Darauffolgend beschlossen wir, dass unsere Informationen ausreichen sollten, die anderen über die Warschauer Geschichte während und nach dem zweiten Weltkrieg aufzuklären und gingen in die gleiche Bar wie gestern Abend. Die Herren genehmigten sich ein Bier, während ich mich auf eine große Cola beschränkte und Lenka entschied sich für einen Tee.

Da ich ziemlichen Hunger hatte, bestellte ich mir noch einen gebackenen Camembert mit Cranberrygelee – absolut fantastisch!

Noch eine ganze Weile saßen wir in der Bar und redeten über alles Mögliche, bevor wir uns auf den Rückweg zum „Agrykola“ begaben, denn bald sollte es schon wieder Abendbrot geben. Doch bevor wir die Bar verließen bekamen wir noch einen kleinen Gruß aus der Küche: uns wurde eine Runde Kirschschnaps ausgegeben und ihr glaubt nicht wie gut der geschmeckt hat!

Nach dem Abendbrot wollten wir heute einen Karaoke-Abend machen. Im Endeffekt wurde es weniger ein Karaoke, als  ein wir-spielen-Lieder-auf-YouTube-ab-und-tanzen-dazu- Abend, was natürlich trotzdem sehr, sehr lustig und schön war.

Einige Zeit später ging ein Großteil unserer Gruppe noch in eine Bar Fußball schauen, andere gingen auf ihre Zimmer und im Endeffekt war ich dann alleine mit drei anderen Freiwilligen, doch wir tauschten uns weiter über Musik aus, ich sang einige Songs oder wir hörten uns einfach ein paar Lieder an und sangen auch ohne Karaoke-Version dazu.

Morgen früh werden wir unsere Gruppenarbeit – sagen wir lieber Gruppenaufgabe – beenden, vorstellen und natürlich auch auswerten. Am Abend gibt es dann eine Überraschung und ich frage mich, warum Überraschungen im Freiwilligendienst immer am Donnerstag stattfinden.

Ich werde jetzt auch endlich auf mein Zimmer gehen und mich bettfertig machen, bevor ich dann schlafen gehe – ich bin fix und fertig.

Also, man liest sich!

Ein sehr, sehr müdes Alien